Freitag, 19. Dezember 2008

New York State of Mind


Ich steige aus dem Zug und laufe die enge, steile Treppe hinauf zur Halle. Ein ein-Sekunden-Flirt mit dem Typ, der auf einer Stufe sitzt. Er schaut mir ins Gesicht und lächelt – schon bin ich vorbei. Ich gehe durch die Halle, die golden leuchtet und in der laute, klassische Musik den Leuten Ruhe vermitteln soll, zur Rolltreppe.
Von der Rolltreppe auf die Straße gespuckt verlasse ich die Penn Station.
Vor mir schreit eine Frau nach Geld für die Obdachlosen. Ich gehe zur Gehsteigkante und winke nach einem Taxi. Der Taxifahrer fragt mich, woher ich bin, und als ich „Austria“ antworte, gerät er ins Schwärmen. 1979 war er dort, erzählt er mit starkem ukrainischen Akzent, und dass die Oper in Wien und die Oper in seiner Heimatstadt vom selben Architekten entworfen wurden. Er zeigt mir das ukrainische Gebäude auf seinem Schlüsselanhänger und freut sich über die Möglichkeit, seine Deutsch-Kenntnisse an die Frau bringen zu können. New York fliegt an mir vorbei, ich schaue aus dem Fenster und als ich dann beim World Trade Center aussteige, ruft mir der Taxifahrer noch nach „Take care, New York is a big city!“ Ich weiss. Aber danke.
Der Laden, zu dem ich wollte, hat aufgrund eines jüdischen Feiertags geschlossen. Ich seufze und gehe los, den Broadway hinauf. Zuhause bin ich die erste, die „fahren wir bitte?“, schreit, und hier in New York kann ich stundenlang gehen, das Geschehen geschehen lassen und schauen, schauen, schauen. Wie ein Schwamm sauge ich alles auf, die Menschen, Geräusche, Farben und Bilder, um sie später in ein Lied, eine Geschichte oder ein Foto zu verwandeln. So wie die Stadt hat sich auch meine Kreativität ins Unermessliche gesteigert – nicht alles ist verwertbar, aber man weiss ja nie, nicht wahr, New York? Neben mir durchbricht ein Martinshorn den Lärm. Ein Stillleben von New York – kann es das geben?
Ich packe meinen MP3-Player aus und setze die großen Kopfhörer auf. David Bowie singt „Heroes“, und ich gehe noch immer. David Bowie schafft eine ganz eigene Stimmung, und für mich passt diese perfekt nach NYC. Und zu mir. Als würde jeder seiner Songs mir versichern:
Ja, Ida, diese Welt ist gross, so gross! Unbeschreiblich, manchmal grausam, schön auch, ja! Und du bist eigentlich auf dich alleine gestellt. Aber du machst das schon. Du hast inmitten dieser Menschen, dieser Möglichkeiten und dieser Sterblich- und Unsterblichkeit einen Platz – finde ihn oder er wird dich finden. Alles wird gut.
Ich glaube David Bowie – er muss es ja wissen – und gehe weiter.

New York. Am Anfang waren wir keine Freunde, du und ich. Mich täuscht du nicht, habe ich mir gedacht in der ersten Woche, die ich hier verbracht habe. Ein Gedicht habe ich geschrieben über deine Kälte, deine Härte. Über deine Eitelkeit. Über all die verspiegelten Gebäudefassaden, in denen sich die Gebäude von der anderen Straßenseite spiegeln, habe ich geschrieben:

Die Stadt hält sich selbst den Spiegel vor / bewundert sich / dreht sich um ihre Vielfältigkeit / Die überquellende Fülle an Möglichkeiten, Entdeckungen, Hoffnungen klebt an ihr / Die Stadt bewundert sich, hält den Atem an vor lauter Stolz /Aber mich täuscht sie nicht, die Stadt / Ich spüre die Kälte / Ich sehe die Härte / Und keine Sterne, niemals.

Und ich gehe immer noch. Mittlerweile sind es fast zwei Stunden und ich habe Durst. Und da erspähen meine Augen eine Oase der Freude – Dean&DeLuca, ein Feinkostgeschäft. Ich betrete es, fast andächtig, und suche mir im Getümmel um Cupcakes, Fleisch, Sushi und Gläser mit eingelegten Tomaten eine Flasche Wasser, eine Banane und einen halben Laib Schwarzbrot. Das Brot ist Luxus. Als ich das Geschäft verlasse und auf die Straße zurück kehre, schäle ich meine Banane und erfreue mich an dem handlichen Vitaminstoß. Ich bin in Chinatown, und überall sind Stände, Geschäfte; schreiende Verkäufer und Schals um 5$.
Weiter geht es, durch Little Italy und Soho bis hinauf zur 16th Street. Da reicht es mir dann und ich steige hinunter in die U-Bahn. Die V bringt mich bis hinauf zur 33rd Street und somit zu meinem Lieblings-Imbiss, dem Europa Café – kein Scherz! Ich lasse mir einen Salat mit den Zutaten meiner Wahl mischen und bestelle einen kleinen Teller Gemüsesuppe dazu. Mit meinem leckeren Lunch setze ich mich in einer Nebenstraße auf eine Bank und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.
Mittlerweile hat sich David Bowie von den Pixies ablösen lassen – here comes your man singt Kim Deal und ich freue mich mit einem Kribbeln im Bauch auf den ersten Dezember.
New York State of Mind, habe ich geschrieben. Für New York brauchte ich erst die richtige Einstellung – ich lasse mich nicht einschüchtern, nicht von dir! Du hast Karrieren gestartet und beendet, du hast Träume erschaffen und zerstört, du wie keine andere Stadt. Aber meine Träume kriegst du nicht. Ich geniesse dich, ich erkunde dich und ich habe Respekt vor deiner Größe, deiner schwindelerregenden Fülle und deiner Härte. Langsam werden wir wohl Freunde.

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