Montag, 22. September 2008

Shifting Relations


Der Zug fährt los.
Ich lege eine Hand an die Scheibe und streichle sie mit meinem Daumen, ganz sanft. Als wäre es deine Wange. Ich lehne meinen Kopf ans Fenster, ganz nahe an meine Hand, und schließe die Augen. Ich sehe dich, du sitzt vor mir und schaust mich an.
Ich würd mich gern in deinen Blick kuscheln, hast du mal zu mir gesagt.
Die Scheibe ist kalt und hart, nicht weich und warm und manchmal kratzig-bartstoppelig wie deine Wange.
Ich streife meine Schuhe ab, ziehe die Beine an und schlinge die Arme herum.
Ich lege den Kopf darauf und mach mich ganz klein in meinem Sitz, als würde ich dadurch doch in deine Arme passen, die du vor der Brust verschränkt hast, als du mir sagst, wie du entschieden hast. Als du mir sagst, dass kein Platz mehr für mich in deinen Armen ist.
Der Rahmen des Zugfensters ist wie ein Bilderrahmen um ein sich ständig änderndes Bild. Die Landschaft hat sich verändert. Das Land hat die Großstadt abgeschüttelt und Hügel und Berge geformt.
Auf Berge steigen ist gut, hast du mal gesagt, wenn man die Dinge von oben betrachtet, verschieben sich die Relationen.
Aufwachen war schön mit dir. Neben dir. Die Augen aufmachen und dich anschauen. Dir beim Schlafen zuschauen. Und dann nochmal einschlafen. Und dann aufwachen und sehen, dass du mir beim Schlafen zugeschaut hast.
Du lächelst im Schlaf, wunderschön bist du, hast du mir ins Ohr geflüstert. Du bist mit deinem Zeigefinger von meiner Stirn über meine Nase zu meinem Mund gefahren, ganz zart... Hast mich geküsst...
Draußen hat es geregnet, du hast einen Apfel geschält und in Spalten geschnitten.
Wir hatten ein Video ausgeliehen, aber es anzuschauen hätte abgelenkt. Wir sind am Sofa gesessen, mit der großen, grauen Wolldecke zugedeckt und haben die Apfelstücke gegessen. Später hast du eine deiner alten Bluesplatten aufgelegt, John Lee Hooker´s „Boom, Boom“ und ich hab gelacht, weil du am Weg vom Plattenspieler zum Sofa Luftgitarre gespielt hast.
Ich war ein Glas Wasser holen und du bist auf mich zu gegangen, hast mich in die Arme genommen und mich hochgehoben.
Du hast mich ins Bett getragen. Mit dir habe ich zum ersten Mal verstanden, was die Leute mit „Liebe machen“ meinen. Wir waren Liebe.
Was ist mit uns passiert?, hast du mich gefragt, als du mit verschränkten Armen vor mir in der Küche gestanden bist. Lieben wir uns überhaupt noch?
Und als ich dir grade erklären will, dass ich durch dich doch erst weiß, wie Liebe ist, sagst du: Haben wir uns überhaupt geliebt?
Dieser Satz und du, ihr fegt mir die Luft aus den Lungen und die Worte aus dem Kopf. Leer, leer, leer bin ich und verloren.
In deinen Armen würde ich mich wiederfinden, dass weiß ich, aber du verwehrst sie mir und auch deinen Blick, den ich verzweifelt suche...
Was ist mit uns passiert? Wann hat es angefangen, aufzuhören?
Der Anfang war so gut. Ich und eine Freundin in einem Café, du und ein Freund mit seinem kleinen Sohn am Nebentisch. Das Kind war begeistert von mir, hat mir seine Trinkflasche angeboten und seinen Blaubeermuffin.
Ich habe mit ihm gespielt, habe ihn hochgehoben und habe währenddessen deine Augen gespürt, die mich anschauten.
Ich habe ein paar Sätze mit seinem Vater gewechselt und als ihr gegangen seid, hast du mir von der Tür aus zugelächelt. Ihr seid um die Ecke gebogen und grade, als ich das Gespräch mit meiner Freundin wieder aufgenommen hatte, ist die Tür aufgegangen und du bist neben unserem Tisch gestanden. Du hast mich nach meiner Nummer gefragt. Weil ich dem kleinen Jungen so gefallen hätte, hast du gesagt. Du hättest ihm versprochen, nicht ohne meine Nummer zurück zu kommen. Meine Freundin hat gelacht und ich habe meine Nummer aufgeschrieben und dir gegeben. Zwei Tage später hast du mich angerufen.
Wir haben uns zu einem Spaziergang verabredet und waren fünf Stunden unterwegs. Wir haben viel geredet und gelacht und als du zum Abschied meine Hand genommen hast, wurde mir warm im Bauch.
Der Kuss zum Abschied war unerwartet. Gleichzeitig aber so logisch.
Warum warten, wenn der, den man braucht, vor einem steht?

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